Im Herbst 2016 überraschte XIAOMI mit dem Mi Mix die westliche Welt mit einem Konzept-Telefon, welches fast gar keine seitlichen Ränder neben und oberhalb des Displays aufwies. Da nun an drei Seiten nur ein schmaler Bildschirmrand vorhanden ist, wurde von den Marketingabteilungen der Begriff des Tri-Bezel-Less oder Frameless erschaffen. Lediglich auf der Unterseite ist der bekannte Rand, der u.a. die Frontkamera beherbergt. Neben XIAOMI zeigten 2017 noch einige andere, kleinere, chinesische Hersteller entsprechende Smartphones. Einer davon ist UMIDIGI und kann gegenüber der Konkurrenz mit einem feinaufgelösten Full-HD-Display als auch mit einer kompakten Bauweise punkten. In der nachfolgenden Tabelle sind die direkten Mitbewerber im Vergleich.

Ausstattung

Wie schon erwähnt, löst das IPS-Panel von SHARP mit 1080 x 1920 Pixel auf und hat eine Diagonale von 5,5“. Eingefasst wird der Bildschirm von einem mattschwarzen Metallrahmen. Die Rückseite besteht aus Glas. Ob die Angabe des Gorilla Glas 4 sich nun auf die Front, Rückseite oder beides bezieht, lässt der Hersteller offen. Die Frontkamera knipst Selfies mit 5 Megapixel. Auf der Rückseite kommen zwei Kameras von Samsung zum Einsatz. 13 Megapixel für die Hauptkamera und 5 MP für die darunterliegende Kamera. Gefolgt von dem LED-Blitz und dem Fingerabdruckscanner. Auf der Unterseite befindet sich der USB-Typ-C-Anschluss – auf Oberseite ein 3,5mm-Klinkenanschluss. Der Akku umfasst 3.000 mAh.

Angetrieben wird das UMIDIGI Crystal von einem MediaTek MT6750T Prozessor.  Jener ist aufgeteilt in zwei Cluster aus je vier Kernen, gemäß der ARM-A53-Architektur. Maximal takten die in Summe acht Cores mit 1,5 GHz. Als Grafikeinheit kommt eine Mali T860 mit 650 MHz hinzu.

Die kleinere Variante vom Crystal Smartphone hat hier eine schwächere Hardware: nur 2GB RAM, MT6737T Quad-Core 1,5 GHz mit einer Mali T720 600 MHz GPU und 16 GB Speicherplatz. Preislich liegen die beiden Varianten, Stand 27.10.2017, knapp über 30 EUR auseinander. Daher ist die kleinere Variante eher uninteressant.

An drahtlosen Verbindungsmöglichkeiten bietet das Smartphone nicht den Stand der Dinge. Bluetooth wird nur in der Version 4.0 unterstützt und auch WLAN wird nur nach 802.11 a/b/g/n unterstützt, 802.11 ac leider nicht. Unterwegs kann LTE Cat 6 genutzt werden. Der auch unter LTE Advanced bekannte Standard erlaubt Download-Raten von bis zu 300Mbit/s und 50 Mbit/s. Das Crystal kann zudem mit zwei SIM-Karten zeitgleich genutzt werden. Mittels dem ersten SIM-Slot ist LTE möglich, während der zweite nur maximal 3G nutzen kann. Alternativ kann der zweite SIM-Slot auch mit einer Micro-SDHC- oder Micro-SDXC-Karte bestückt werden. Das Kapazitätslimit wird mit 256GB angegeben. Eine größere Karte ist derzeit auch nicht angekündigt oder gar am Markt verfügbar.

Display, Verarbeitung und Haptik

Minimalistisch und schlicht erscheint das UMIDIGI Crystal und die Designsprache ordnet sich klar dem sehr guten Gehäuse-Bildschirm-Verhältnis und dem Display als solches unter. Das Highlight des Crystals ist schlichtweg der 5,5“ große Bildschirm mit den geringen Rändern an den Seiten und oberhalb des Displayrandes. In Zahlen sind es oben und seitlich 3 Millimeter. Dies ist beeindruckend, vor allem in der Preisklasse, dennoch weit weg was die Produktbilder vorab suggerierten!  Auch die Begriffe wie bezelless – sprich rahmenlos – sind, aus unserer Sicht irreführend. Im Vergleich mit beispielsweise einem XIAOMI Mi5s ist das UMIDIGI Smartphone sogar in der Höhe kleiner, jedoch einen um 0,3“ größeren Bildschirm. Besonders wenn es in die Hand genommen wird, wirkt es für die Displaygröße kompakt und lässt sich gut mit einer Hand halten. Konkret sind es 141 mm in der Höhe, 75 mm in der Breite und eine Dicke von 8mm. Überraschend ist demgegenüber das relativ hohe Gewicht von 180 g. Zurück zum Bildschirm an sich: die Darstellung ist scharf, wirkt detailliert und kontrastreich. Farben werden naturgetreu gestellt und weniger knackig als bei der Konkurrenz mit AMOLED-Displays. Der Schwarzwert geht in Ordnung. Im direkten Sonnenlicht ist die maximale Helligkeit zu gering, um noch gut ablesbar zu sein.

Für ein angenehmes Gefühl in der Hand sorgen auch die abgerundeten Kanten des Glases auf Front- und Rückseite. Durch die schwarze Farbe unter dem Glas entstehen schöne, edel wirkende Lichtreflektionen. Gleichzeitig ist die Verwendung von Glas ohne eine spezielle Beschichtung ein wahrer Fingerabdruckmagnet. Bereits nach wenigen Minuten, in der Hand haltend, ist das Crystal mit Abdrücken übersäht. Der Übergang zum seitlichen Metallrahmen wird zudem mit einer Fase aufgegriffen. Jener Materialwechsel von Glas auf Metall ist mit den Fingen spürbar und sich wie eine Kante anfühlt. Auf der Oberseite ist der Metallrahmen durch zwei Antennenstreifen unterbrochen. Dazu gesellt sich ein Klinkenanschluss. Daneben ist – anders als vermutet – kein Infrarot-Sender, sondern der Helligkeits- und Annäherungssensor. Auf der oberen Seite des Displays war hierfür kein Platz, weswegen er auf die Oberseite verbaut werden musste.
Ungewöhnlich ist die Anordnung der Tasten auf der linken Seite. Im oberen dritten befindet sich der Einschaltknopf und darüber die Lautstärke-Wippe. Deren Druckpunkte sind gut und nach kurzer Umgewöhnung leicht erreichbar. Sie sitzen fest im Gehäuse, ohne Knarzen oder ähnliches beim Betätigen. Gegenüber den beiden Tasten wurde der Dual-SIM-Slot integriert.
Der USB-Typ-C-Anschluss ist mittig in den Metallrahmen eingelassen. Zu beiden Seiten davon sind Aussparungen zum einen für das Mikrofon und zum anderen für den Monosprecher.

Etwas herausstehend fällt das Kameramodul auf der Rückseite auf. Er beherbergt zwei Kameras und zwischen jenen ein Dual-LED-Blitz. Unterhalb der Fingerabdruckscanner. Ob nun die Position rückseitig angenehm ist, ist eine persönliche Entscheidung. Uns kommt dies sehr entgegen das Smartphone per Zeigefinger zu entsperren, statt mit dem Daumen an der Front. Im unteren Teil des Rückseite pragt das Herstellerlogo sowie der Slogan „Design by UMIDIGI – Android Smartphone Assembled in China“.
Die dritte Kamera sitzt auf der Vorderseite unten rechts. Ein akzeptabler Kompromiss, um den obigen Displayrand nicht durch eine Aussparung für die Kamera zu unterbrechen wie es beim Apple iPhone X oder Essential Phone PH1 der Fall ist.

Passend zum schlichten und edel wirkenden Äußeren ist die Verarbeitung auf einem guten Niveau. Besonders im Hinblick auf den Preis von 130 EUR für das Gebotene! Die Spaltmaße sind gering. Nichts knarzt oder ist fragil. In die Hand genommen, fühlt sich das Smartphones, trotz des relativ hohen Gewichtes, erstaunlich ausbalanciert an. In den drei Wochen Testzeitraum im intensiven Gebrauch als Haupt-Smartphone des Redakteurs, konnten keinerlei Kratzer in den Glasflächen festgestellt werden. Inwiefern dies sich über einen längeren Zeitraum ändert, kann aktuell nicht beurteilt werden. Im Vergleich hatte das XIAOMI Mi5s im 3-Wochen-Test bereits Gebrauchsspuren im Glas zu verzeichnen.

Das Smartphone im Alltag

Da es abseits einer schönen Hülle insbesondere auf die inneren Werte ankommt, folgt nun das UMIDIGI Crystal im Alltag-Check. Die nachfolgenden Aussagen beziehen sich auf das vorletzte Update Anfang Oktober. Das Update von Ende Oktober hat zumindest die Alltagserfahrung nicht verbessert. Ohne groß um den „heißen Brei“ herum zu reden, missfällt die Kombination aus dem Prozessor, der Full-HD-Auflösung und der Software-Optimierungen. Das Wechseln zwischen den Apps, zwischen den einzelnen Startbildschirmen oder auch in den Menüs geht nicht ohne Ruckeln. Die Animationen sind offensichtlich nicht flüssig und das Starten von Apps ist stets mit einer gewissen Verzögerung verbunden. Woran dies nun im Detail liegt, kann nicht beurteilt werden. Der MediaTek MT6750T sollte zumindest in der Lage sein, die Launcher-Animationen und das Allgemeine navigieren flüssig darzustellen. Eventuell wäre ein Display mit einer geringeren Auflösung die bessere Entscheidung gewesen. Eine bessere Anpassung der Software an die vorhandene Hardware wäre eine weitere Möglichkeit gewesen, die Benutzererfahrung zu verbessern. Natürlich ist dies harte Kritik angesichts des lukrativen Preises, dennoch sind wir der Meinung, dass dies besser gehen sollte. Ob UMIDIGI in zukünftigen Updates weiter daran schraubt, bleibt abzuwarten. Positiv zu erwähnen ist das lockere RAM-Management, welches die 4 GB RAM versucht auch zu nutzen und Apps erst spät „parkt“ und aus dem RAM entfernt. Trotz zwanzig geöffneten Apps konnte zwischen den Apps gewechselt werden. Dies geschah zwar nicht flüssig, aber die Anwendungen wurden nicht neugeladen. In den drei Wochen lag die durchschnittliche RAM-Ausnutzung bei ca. 2,6 GB.

Benchmarks und Android

Ein Blick auf die Benchmarks zeigt, dass das UMIDIGI Crystal nur für einfache Spiele ohne aufwändige Grafiken und Animationen geeignet ist. 3D Spiele wie die Gangsta- und Asphalt-Reihe von Gameloft laufen zäh und ruckeln. Die erreichten Werte von 43.611Punkte in Antutu und 9.492in 3D Mark Ice Storm Unlimited entsprechen dem hinteren Plätzen in den Charts. Erwartungsgemäß ist das Smartphone keine mobile Spielkonsole und reiht sich zwischen der Konkurrenz der Einstiegsklasse ein. Beim Betriebssystem fährt weiterhin die Schiene ein nahezu pures Android zu verwenden. Ein paar eigene Wallpapers und ein, zwei Menüeinträge unterscheiden sich vom AOSP (Android Open Source Program). Vorinstallierte Apps? Gibt es nicht. Selbst bei den Google-eigenen Apps sind nur wenige bereits auf dem Gerät. Erwartungsgemäß ist der Play Store samt Play Services dabei als auch Google Maps, Gmail und Chrome. Vorbildlich! Die Android-Version ist die 7.0 und nach drei kleineren Patches ist der aktuellste Sicherheitspatch aus dem Monat Juli 2017. Ob Android 8.0 Oreo auch das UMIDIGI Crystal erreichen wird, bleibt fraglich. Bisher hat der Hersteller die Frage nicht eindeutig beantwortet. Wie schon am Anfang des Absatzes erwähnt, sind die Optimierungen der Software bzw. der Treiber auf die Hardware nicht optimal. Das Navigieren durch die Menüs ist selten ohne Mini-Ruckler möglich. An einigen Stellen kommt es zu „Gedenkpausen“. Noch erwähnenswert ist noch der Einhand-Modus, den UMIDIGI beim Crystal eingebaut.

Richtig fix funktioniert der Fingerabdruck-Scanner. Des Weiteren war er in der Testphase sehr zu verlässig. Weiter positiv zu erwähnen ist auch die gute Sprachqualität bei Telefonaten. Die Lautstärke der Hörermuschel könnte allerdings etwas lauter sein. Besser gelang es den internen Lautsprecher. Musik kann in angenehmer Qualität genossen werden. Zusätzlich können noch Audio-Einstellungen per Equalizer getroffen werden.

Von morgens 6 Uhr bis abends 22 Uhr hielt das Crystal in der Regel durch, jedoch mit nur noch wenigen Prozenten Akkukapazität übrig. Der Bildschirm als Hauptenergiefresser war in der Regel knapp über drei Stunden aktiviert. Für ein 5,5“ Bildschirm, Full-HD-Auflösung und einen 3.000 mAh-Akku ist ein befriedigender Wert.

Zwei Kameras für bessere Fotos?

Abschließend noch die Eindrücke zu der Kamera. Angesichts des Preises, darf man keine Superkamera erwarten und sollte wohl auch den meisten Käufern bewusst sein. Der Haupt-Sensor mit 13 Megapixeln und auch der zweite Sensor stammen aus dem Hause Samsung. In Situationen mit viel Licht wie an einem sonnigen Tag sind die Fotos noch akzeptabel. Es geht an Details und die Farben wirken nicht naturgetreu. Deren fehlt es an Intensität und auch etwas flach im Kontrast. Steht wenig Licht zur Verfügung werden die Fotos sehr verrauscht und ebenso schnell verwackelt. Ein optischer oder elektronischer Bildstabilisator ist nicht vorhanden. Auch ein HDR-Modus bietet das Crystal nicht. Wofür nun genau die zweite Kamera genutzt wird, ist nicht eindeutig zu beantworten. Eine Zoom-Funktion fehlt. Im Portrait-Modus wird offensichtlich nur die Umgebung per Software unscharf dargestellt. Hierfür werden allerdings keine zusätzlichen Tiefeninformationen verarbeitet, sondern der Effekt wird schlicht umliegend um den Fokuspunkt angewendet. Daraus ergeben sich eher skurrile Fotos mit Pseudo-Bokeh-Effekt statt gute Portrait-Fotos. Gewissermaßen kann die zweite Kamera auch als nutzlos bezeichnet werden. Zugeklebt ergaben sich in allen Einstellungen und Modi keinerlei Nachteile durch die verdeckte Linse. Die Defizite zeigen sich ebenfalls im Videomodus. Hier ist die Limitierung bei Full HD und 30 Bildern pro Sekunde. UHD/4K werden nicht unterstützt. Für echte Foto-Liebhaber ist das UMIDIGI Crystal nichts.

Die mitgelieferte Silikon-Hülle trübt den „randlosen“ Genuss.

Fazit

Es ist schon bemerkenswert wie viel Smartphone für ca. 130 Euro möglich ist. Die Stärken des UMIDIGI Crystal liegen klar beim dem guten Display, den kompakten Ausmaßen für ein 5,5“ Smartphone und dem gelungenen Design. Einhergehend mit einer soliden Verarbeitung. Dazu ein pures Android 7, gepaart mit soliden 64 GB internen Speicher. Obendrein gibt es 4 GB Arbeitsspeicher. Die Rahmendaten und das Äußere passen.

Doch wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten und so ist es auch beim Crystal. Am nervigsten waren die Mikro-Ruckler in der Bedienung.und bei alltäglichen Dingen, für die ein Smartphone gut ist. Dies ist zwar ein reines Software-Thema und kann per Updates verbessert werden, jedoch gibt es keine Garantie hierfür, dass es verbessert wird. Gewissermaßen spielt der verbaute MediaTek MT6750T hier mit herein. Für intensive Spiele ist das Crystal weniger geeignet. Kleinere Puzzle-Games sind natürlich möglich. Ein weiterer Minuspunkt sind die verbauten Kameras. Hier fehlen Details, Fotos wirken verwaschen und farbuntreu. Die zweite Kamera scheint nachweislich keinen Einfluss auf den Portrait-Modus zu haben.

Unterm Strich bleibt ein Einsteiger-Smartphone, welches durch zukünftige Updates verbessert werden kann. Ohne ist es nur eine bedingt eine Empfehlung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*